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Kurz vor Mittag an einem ganz gewöhnlichen Wochentag in einer Filiale einer bekannten Elektromarktkette: Da es mir mein Job gelegentlich erlaubt, den üblichen Stoßzeiten in den Geschäften aus dem Weg zu gehen, bin ich gerade auf der Suche nach einem neuen Computerspiel. Plötzlich schallt es zwei Gänge neben mir, in einer Lautstärke, die sicherlich noch in der Haushaltsgeräteabteilung am anderen Ende des Geschäftes zu vernehmen ist, „Ey! Hat der Kalle dat hier schon?" - „Weiß ich doch nich! Ist das denn DehVauDeh-Rum? Der hat kein DehVauDeh-Rum! Musste drauf achten, ne?!". Ein Mittdreißiger in einer modisch-raffinierten Kombination aus Jogging-Anzug, Jeansjacke und Hausschlappen, also eine Art Dittsche in nicht-witzig, steht dort mit seinem Einkaufstrolli (diese Dinger, die sonst nur alte Leute mit in den Supermarkt nehmen) und überlegt zusammen mit seinem Gefolge laut, welches Computerspiel man dem Kalle wohl als Geschenk von meinen Steuern kaufen könnte. Die Meute, sie sind zu fünft, inklusive Mutti und Rotzblag, blockiert komplett den Gang mit den Neuerscheinungen. Ich warte einige Minuten und schaue lieber erst einmal die Budget-Regale durch. Irgendwann wird mir die Warterei zu lang und ich geselle mich doch zu ihnen. Ein unglaublicher Schweiß- und Was-weiß-ich-was-Geruch, wie man ihn von Obdachlosen kennt, übermannt mich. Ich halte die Luft an und lausche unfreiwillig dem weiteren Austausch von Rudimentärkommunikation, während sie ein Chart-Spiel nach dem anderen ausgiebig begutachten. „Begutachten" bedeutet in diesem Fall, jedes Spiel mehrere Minuten in der Hand zu halten, das Cover stirnrunzelnd anzustarren und dummes Zeug dazu abzusondern. „Neet vor Speeht? Welcher Teil issn das? Wenn das der neue is, dann is dat was fürn Kalle. Jetzt wo der keinen Lappen mehr hat..." (debiles Gelächter erschallt) - „Aber denk dran! Er hat nur ZehDeh-Rum!" - „Ja oder das hier? Wau is super. Spielen alle! Kost aber Abbo im Monat..." Und so weiter und sofort...
Ich gehe zwischendurch immer mal wieder weg, um frische Luft zu schnappen, verpasse dabei aber rein gar nichts von dem Spektakel, weil die Bande permanent durch den Laden bölkt, als wäre sie allein auf der Welt oder müsste nichtvorhandenen Baustellenlärm übertönen. Da sie aber anscheinend vorhaben, den Besuch im Elektromarkt zu einem zünftigen Tagesausflug auszudehnen, gehe ich nach einer bizarr-verstörenden halben Stunde einfach zur Konkurrenz um die Ecke. Spiele kaufen. Und atmen. Geschichten wie diese oder auch die unzähligen Gelegenheiten, bei denen man den Gesprächen von jugendlichen Dummbatzen im Spielegeschäft lauschen darf, zeigen eines nur zu deutlich: Wir, also die Spieleblogger und ihre Leser, sind eine Art Subkultur. Wir unterhalten uns mehr oder weniger ernsthaft über Spiele, denken über sie nach und setzen uns halbwegs intelligent mit ihnen auseinander. Wir sind aber nicht repräsentativ. Wir sind die Minderheit. Das Gros der Computer- und Videospieler ist eine unkritische, ja teilweise erschreckend dumme Masse von Menschen, die den herrschenden Käufermarkt bestimmen. Diese Erkenntnis ist sicher nicht neu, aber ich habe viel zu oft das Gefühl, dass wir dies vergessen oder absichtlich verdrängen. Man geht dann doch eher von sich selbst und dem eigenen Umfeld aus und stellt dann lauter dumme Fragen, deren Antworten eigentlich in jeder Softwareabteilung eines beliebigen Elektromarktes latent zu finden sind: „Warum verkaufte sich Psychonauts nicht gut?", „Warum ist Darwinia ein Nischenspiel?", „Wieso bringt EA fast nur Fortsetzungen raus?", „Wer kauft sich eigentlich diese ganzen Mainstreamtitel ohne jeden Mut bei der Entwicklung?", „Weshalb haben ComputerBILD-Spiele, GameStar und BravoScreenFun so viel Einfluss?", „Wozu diese Wertungskästen, wenn doch im Text alles wichtige steht?", etc. pp. Die Antworten auf all diese Fragen könnt Ihr Euch in den Spielegeschäften jederzeit selbst anschauen. Sie stehen dort vor den Regalen. Die Softwarehersteller und -Publisher bedienen einfach nur einen Markt, der mehrheitlich von den Wünschen von Kiddies, Asis und Gehirnamputierten bestimmt wird. Gleiches machen die auflagenstärksten Magazine. Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, wie wir (ich nehme mich da selbst keinesfalls aus!) das immer wieder so erfolgreich ausblenden können, wenn wir uns hier in unserer kleinen Welt über Spiele unterhalten?! Allein die Tatsache, dass man vom RPG, über RTS und FPS, bis hin zu Rennspielen und Adventures so ziemlich jedes Genre (außer vielleicht Fußballspielen) mit Titten auf dem Cover verkaufen kann, spricht doch Bände, oder? In letzter Zeit wird ja sogar die PC-Hardware so verkauft! Sauteure Highend-Gaming-PCs werden mit nackten Mallorca-GoGo-Ischen beworben! Ich frage mich da ja auch immer wieder spontan, wem die denn auf diese Weise eigentlich Rechner verkaufen wollen. Mir ganz sicher nicht. Aber dann fallen mir Kalles Freunde und die Kevins und Justins aus den Geschäften ein und ich schüttele wissend leicht den Kopf...
Wie kann es eigentlich sein, dass wir uns regelmäßig darüber den Kopf heiß diskutieren, warum der Spielemarkt so aussieht, wie er aussieht? Ebenso gut könnte man völlig entrüstet fragen, wer eigentlich DJ Ötzi-CDs kauft! Aber jeder, der schon mal auf Malle, Ibiza oder in Ischgl Urlaub gemacht hat, kennt bereits die Antwort. Und andere häufige Themen in der kleinen heilen Spielebloggerwelt werden ebenso schnell obsolet, wenn man sich mal das durchschnittliche Alter, Bildungsniveau und die Lebensumstände der großen Masse der Konsumenten anschaut: „Killerspiel"-Debatte, anyone? Wir gehen bei den ganzen Diskussionen immer von uns und unseren Bekannten aus, wenn wir alles total ungerecht, bevormundend und überzogen finden, was da so in der Öffentlichkeit diskutiert und von Politikern als opportunistischer Aktionismus in die Welt hinaus gekackt wird. Klar, das ist auch alles wahr, aber bezieht doch bitte mal all die anderen Leute mit ein! Wollen wir wirklich, dass der 12jährige Kevin aus der Plattenbausiedlung beim Kiffen den ganzen Tag Counterstrike, GoW oder Manhunt zockt, anstatt in die Schule zu gehen? Der hat auch so schon Probleme genug. Der braucht nicht unbedingt noch Gewaltspiele, die ihm suggerieren, dass Gewalt auch außerhalb seiner Familie, seines Ghettos als Lösung für alles funktioniert. Natürlich ist mir auch klar, dass solche Dinge nur Symptome, aber nicht die Ursachen sind. Aber solange es keinen verpflichtenden Elternführerschein oder sonstige Eingriffe von Außen gibt, muss der Rechtsstaat halt tatenlos zusehen, was in bundesdeutschen Familien tagtäglich so alles vermurkst wird... Counterstrike ist übrigens ein tolles Stichwort für einen weiteren Aspekt, der mit unserer Unfähigkeit zu tun hat, über den eigenen Tellerrand zu schauen: Dieses ganze bescheuerte Argumentieren mit dem Team- und Strategie-Fokus bei Shootern! Schaut doch einfach mal irgendwelchen Deppen - und ich betone abermals, dass nicht sie die Minderheit sind, sondern wir - beim Egoshooter-Zocken zu. Da wird sehr wohl extrem viel Wert auf möglichst explizite Gewaltdarstellung gelegt, denn die macht so ein Spiel erst richtig geil! Das sind die gleichen Kids, die auch die schwachsinnigen, frauenfeindlichen Porno-Rap-Texte von Frauenarzt und King Orgasmus One geil finden... Ach, und immer diese WoW-Spieler, die grundsätzlich abstreiten wollen, dass das Spiel bei sehr vielen Leuten zu sozialer Isolation, schulischem (oder beruflichem) Scheitern und psychischer Abhängigkeit führt. Wen wollt ihr eigentlich verarschen? Hat Euch die EA-PR-Abteilung mit ihrem (logischerweise) einseitigen öffentlichen Engagement auch schon eingelullt? Es gibt doch genug Studien über Spiel- und Online-Sucht, die empirisch belegen, dass es sehr wohl große Risikogruppen in der Bevölkerung gibt, denen diese Spiele real schaden können. Der Schüler, der das Schuljahr wiederholen muss, weil sein Ork oder CS-Clan ihm wichtiger war. Der Langzeitarbeitslose mit DSL-Flatrate und MMOG-Abo, der gar nicht mehr daran denkt, sich mal um die Verbesserung seiner persönlichen Situation zu kümmern, weil ja im Spiel alles klasse läuft... Und trotzdem gibt es nicht wenige unter uns, die die Welt da draußen, die Anderen, einfach permanent aus ihrer Wahrnehmung ausblenden. Nehmen wir einfach nur mal an, und ich betone den hypothetischen Charakter, da ich selbst gänzlich anderer Meinung bin, CoD4 hätte wirklich eine Anti-Kriegs-Message, die sich aus Überzeichnung und Ironie ergäbe, dann stünde noch immer die Frage im Raum, ob der Proll von Nebenan diese überhaupt verstehen kann... Ich für meinen Teil habe nicht wenige Idioten während meiner Bundeswehrzeit getroffen, die z.B. Full Metal Jacket für einen total geilen Film gehalten haben - nur leider aus den völlig falschen Gründen, weil sie den Film gar nicht geblickt haben!
Die bildungsfernen Haushalte - von Leuten, die lieber über Begrifflichkeiten als über die eigentlichen Probleme reden, gerne auch „Prekariat" genannt - besitzen keine Bücher, dafür aber Spielkonsolen, Fernseher und Computer in jedem Zimmer. In den falschen Händen, also bei Leuten ohne jedwede Medienkompetenz (von sonstiger Bildung mal gar nicht zu reden), sind Spiele ein ebenso fragwürdiges Medium wie auch das Fernsehen. Wer solcherlei Diskussionen nur von seiner eigenen (halbwegs gebildeten und intelligenten) Warte aus betrachtet, verkennt den eigentlichen Kern des Ganzen. Versteht mich bitte nicht falsch: Ich will jetzt keinen auf super-moralisch oder extrem-pädagogisch machen! Ich bin gegen Zensur und spiele auch sehr gerne sogenannte „Gewaltspiele". Die will ich mir auch gar nicht nehmen lassen. Ebenso finde ich es immer wieder super schade, wenn ein sehr gutes Spiel am Massenmarkt scheitert und somit weitere mutige und innovative Titel zukünftig noch unwahrscheinlicher macht. Es geht mir nicht darum, zukünftige Auseinandersetzung und Beschäftigung mit unser aller Lieblingszeitvertreib im Keim zu ersticken und für alle Zeiten als inzestuöses Elfenbeinturmgeschwafel zu verdammen. Das was wir tun und wie wir es tun ist völlig legitim und auch wichtig. Ich will hier nur deutlich machen, dass wir es uns in unserer kleinen Welt oft viel zu einfach machen, wenn wir über die genannten Sachverhalte diskutieren, denn es gibt auch sie da draußen: Die Anderen. Und sie sind in der Mehrzahl! Und erspart mir und Euch bitte jedwedes Herausklauben von einzelnen Sätzen aus dem Gesamtkontext, anhand derer mir dann unterstellt wird, ich wäre ein elitärer Bildungsnazi, der behauptet, alle Arbeitlosen wären Asis oder alle Jugendlichen gehirnamputiert. Das ist nämlich nicht wirklich mein Punkt. Polemik ist beim Schreiben das Salz in der Suppe, nicht der Kern der Aussage...
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Aber du hast Recht. Wenn ich mal wieder durch die Stadt laufe, begegnen mir ähnliche Gruppen. Zwar durfte ich noch keiner Familie der von dir beschriebenen Art treffen, ähnliche Fälle dürften aber jedem bekannt sein.
Dass die "realistischen" Spieler (also wir) in der Minderheit sind, ist leider eine Tatsache. Und dass wir dabei ein wenig ignorant sind, auch. Nur, weil man selbst nicht süchtig ist, kann man es dann häufig nicht nachvollziehen, dass andere es werden. Nichtraucher verstehen auch nicht, wie man mit dem Rauchen anfangen kann.
Problem: Der Massenmarkt zielt mal wieder genau auf die falsche Gruppe. Zumindest moralisch. Finanziell ist es natürlich besser, die nicht mitdenkenden zu bedienen. Das kennt man schließlich auch aus anderen Bereichen.
Letztendlich hast du da einen tollen Text abgeliefert. Und das sage ich nicht nur wegen der Bilderauswahl.