| Von der Realität eingeholt |
| Geschrieben von: Micha & Manu | |||||||||||||||
| Sonntag, den 20. März 2011 um 20:08 Uhr | |||||||||||||||
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Doch manchmal holt die Realität selbst die übertriebenste Fiktion ein. Das stärkste Beben in der Geschichte Japans hat das Land verändert und unzählige Menschen in den Tod gerissen. Das Land steht durch brennende Kernkraftwerke vor einem atomaren Super-GAU und zu allem Übel bricht noch ein Vulkan aus. Diese zeitlich so dichte und in dem Ausmaß so heftige Aneinanderreihung von Katastrophen würden wir in jedem Film oder Spiel als viel zu “zu dick aufgetragen” abtun. Das Timing kann manchmal ganz schön tricky sein. Das britische Entwicklerstudio Evolution Studios hatten für den neuen, dritten Teil der MotorStorm-Reihe den 16.3.2011 als Veröffentlichungstermin geplant gehabt. In Neuseeland wurde der Release bereits aufgrund eines schweren Erdbebens im Februar auf unbestimmte Zeit verschoben. Warum? Nun, in MotorStorm: Apocalypse geht es um Offroad-Racing in einer von Erdbeben zerstörten Stadt, inklusive Sprünge über brennende, eingestürzte Wolkenkratzer, einbrechende Tunnelsysteme, überschwemmte Küstenstädte und jede Menge Trümmer. Und dann, unmittelbar vor dem anstehenden, weltweitem Release wird auch Japan von dem ungeheuren Erdbeben am 10.3.2011 erfasst. Auch hier wurde selbstverständlich die Veröffentlichung umgehend gestoppt.
Dieser Artikel ist in Kooperation mit unseren Freunden des Blogs Kollisionsabfrage entstanden und wird auch dort zeitgleich veröffentlicht. Danke an Micha für die gute Zusammenarbeit und wer möchte, folgt bitte am Besten dem Spendenaufruf auf der Seite, um den Opfern des Erdbebens zu helfen. Kommentare (9)
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21.03.2011 |
Ben:
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Es war mitten in der Nacht und ein Gerät mit 4"-Bildschirm ;-) Ich glaube dennoch dass Manus 4. Absatz eigentlich schon alles sagt, was man zu dem Thema sagen müsste. Pietätlosigkeit hat primär etwas mit der aktuellen Situation zu tun und ist keine Grundeigenschaft eines Medienproduktes. Es ist eben gesellschaftlich nicht angemessen sich über Erdbeben zu amüsieren, wenn eben grade 10.000 Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Ob Motordingens nun ein Videospiel oder ein Film oder eine Freizeitparkattraktion wäre, ist dabei denke ich Nebensache. |
21.03.2011 |
SenorKaffee:
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Ein interessanter Aspekt unserer Gesellschaft ist, dass ein geplanter Verstoß gegen unser Wertesystem weniger hart geahndet wird, als ein versehentlicher Verstoß. Genau letzteres passiert gerade Motorstorm, Desaster Report, I am Alive und wie sie alle heißen. Diese Spiele wurden nicht als Provokation entworfen. Die Grundlagen ihres Designs wurden Monate vor der Katastrophe gelegt, ihre Vergehen gegen unser Wertesystem sind versehentlich, zufällig. So wie ein Spiderman, der umgeschnitten werden muss, weil das WTC aus dem Teaser leider nicht mehr da ist. Diese Titel sind nicht unfähig, mit der Katastrophe umzugehen, weil sie Videospiele sind. Sie können diesen Anspruch nicht leisten, weil sie nicht für diesen Anspruch designt wurden. Ein theoretisches Desaster Report, das jetzt, heute an den Zeichenbrettern entsteht, würde ganz anders sein als das wirkliche Desaster Report, dass zum Zeitpunkt der Katastrophe bereits auf den Markt kommen sollte. Ein kulturelles Nachbeben, eine Naturgewalt - unplanbar, wie die Katastrophe selbst. Der Vergleich mit 9/11-Filmen ist etwas unfair, weil sie diesen Nachteil nicht hatten. Sie waren für diese Situation gemacht. |
21.03.2011 |
Chris:
Ob Motordingens nun ein Videospiel oder ein Film oder eine Freizeitparkattraktion wäre, ist dabei denke ich Nebensache. Ja, absolut. Die Argumentation im vorletzten Absatz ist mir allerdings nicht ganz klar. Dass "eine sensible, gar differenzierte Auseinandersetzung mit einem tragischen Ereignis" in Spielen nicht stattfände, ist ein Grund, warum Spiele nicht pietätlos sein könnten? Ich würde das eher für ein Argument dafür halten, dass sie das sehr wohl könnten, denn gerade sensible, differenzierte Auseinandersetzungen wären ja eben nicht pietätlos. Dass mir dafür kein praktisches Beispiel einfällt, schreibe ich mal einfach der Tatsache zu, dass niemand Millionen in ein Projekt stecken würde, welches von vorneherein erkennbar pietätlos ist. Das bedeutet aber nicht, dass das theoretisch nicht möglich wäre, deshalb würde ich die Frage "Kann ein Spiel tatsächlich pietätlos sein?" nicht grundsätzlich negativ beantworten. Mir fallen da tausend Möglichkeiten ein, wie pietätlose Videospiele aussehen könnten. |
22.03.2011 |
epospecht:
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Und dann stellt sich noch die Frage wie wir pietätlos definieren wollen und wo wir die Grenze ziehen... das Ballern auf, und Kriminalisieren von afghanischen Einwohnern in "Medal of Honor" ist nicht pietätlos? Ich finde die ganze Diskussion und das Gebärden der Publisher eh ziemlich eindimensional (Ohne dabei die Gesinnung verurteilen zu wollen, es geht aber vornehmlich um die Imagepflege, das sollte klar sein). Denn was passiert denn mit den Titeln? Sie werden ein, zwei Monate verschoben und dann, wenn das mediale Interesse an der beispiellosen Tragödie abgeklungen, und auf einen anderen Krisenherd übergesprungen ist, werden sie trotzdem veröffentlicht. Als wenn ein Japaner bis dahin vergessen hätte. Jeder, der Heim und Haus und womöglich sogar einen Angehörigen verloren hat, wird sich dieses "Erlebnisses" bis ans Ende seiner Tage bewusst sein. Im Umkehrschluss lautet das: Der Zeitpunkt der späteren Veröffentlichung datiert den Tag an dem die Mehrheit der Gesellschaft das Trauma überwunden haben sollte. DAS wäre für mich als Angehöriger ein Grund der Ärgernis. |
22.03.2011 |
SpielerZwei:
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Ich persönlich finde diese Verschiebungen bzw. Einstellungen gar nicht so dramatisch. Es entspricht halt der moralischen Norm: Man kann jemanden ohne Probleme zu Lebzeiten Arschloch nennen. Wenn er einige Zeit unter der Erde liegt, geht es auch. Nur direkt auf der Beerdigung kommt es einfach nicht so gut. Falls jemand übrigens wirklich Angst um seine Spiele hat, sollte er mal an den 11. September denken: In Hollywood wurden reihenweise Produktionen auf Eis gelegt bzw. der Kino-Start gestrichen. Alles was nur entfernt etwas mit Terroristen, Flugzeugentführungen, Bombenanschlägen oder dem World Trade Center zu tun hatte, war Tabu. Aber fast keiner dieser Filme ist dauerhaft verschwunden... |
23.03.2011 |
Chris:
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Kann man denn das Original-Ende von Spiderman, also das mit dem WTC, irgendwo sehen? Ernstgemeinte Frage, das Ersatzende ist ja eher so lala. |
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