| Polyvieux: Tetris |
| Geschrieben von: polyneux | |||||||||||||||||||||||||||||||
| Mittwoch, den 12. Mai 2010 um 11:33 Uhr | |||||||||||||||||||||||||||||||
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Letztes Trivia, bevor ich meinen Mitpolynesen das Wort überlasse: im Nintendo World Store in New York City liegt ein halb geschmolzener Gameboy, der den zweiten Golfkrieg überlebt hat. Das Gerät funktioniert immer noch – und spielt Tetris in Endlosschleife. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Gibt es einen eindeutigeren Beweis für Unsterblichkeit?
Soll ich auf das Spielprinzip eingehen? – Einfach aber genial. Geschenkt. Soll ich noch einmal die traurige Story von Alexei Paschitnow erzählen, der aufgrund des Umstandes, in der damaligen UDSSR zu leben, jahrelang nichts vom Erfolg seiner Schöpfung hatte? Auch geschenkt. Kennt inzwischen jeder. Will noch irgendjemand die Erfolgsgeschichte des Spieles vorgebetet bekommen? Oder interessiert sich jemand für die ganzen Rechtsstreitigkeiten die damit verbunden waren? Vielleicht sollte ich ein Loblied auf Nintendos Game Boy-Version singen? Ich könnte es auch möglicherweise tanzen, damit es für unsere Leser von der Waldorfschule interessanter wird… Was mit Sicherheit einen längeren Beitrag ergeben würde, wäre eine Auflistung aller Tetris-Klone! Allerdings würde dann jeder normale Mensch aus leicht nachvollziehbaren Gründen sofort wegklicken. Hmm… Ich persönlich fand ja die These immer ganz spannend, dass besonders Frauen Tetris und tetrisartige Spiele so lieben, weil dies ihrem natürlichen Bedürfnis nach Ordnung entspringt. Tetris spielen ist wie das Geschirr aus der Spülmaschine in die Schränke zu räumen! Da SpielerinZwei aber auch unsere Artikel liest, lasse ich meine Chauvi-Platitüden wohl besser in der Schublade. Ich habe noch immer blaue Flecken vom letzten Mal.
Ich gebe einfach auf: Tolles Spiel, aber irgendwie kann ich einfach nichts Gescheites dazu schreiben, was ich hiermit erfolgreich nicht gemacht habe.
Genauso traurig wie die erschütternde Wahrheit, dass ich selbst niemals zu den millionenfachen Käufern dieses Werkes gehört habe; beziehungsweise des damit verbündelten grauen Backsteins mit Nintendo-Logo und elektionischem Innenleben. Der Gameboy… Ich hatte nie einen. So erschwinglich der Klotz im Vergleich zu meinem C64 oder anderen modernen Handhelds seiner Zeit (Game Gear, Lynx) auch gewesen sein mag, für mich war er immer irgendwie zu teuer. Und meine Eltern fanden eh schon, dass ich zuviel Spiele, da kam der Erwerb eines Gasbeton-Blocks, der regelmäßig ganze Wochenproduktionen an Batterien fraß und schlecht für die Augen war, natürlich überhaupt nicht in Frage. Niemals.
Okay, könnt ihr die Mistgabeln und Fackeln wieder einpacken? Feuer macht mir Angst. Gebt mir wenigstens die Chance, mich zu erklären. Also, ein weiser Mann hat einmal gesagt, dass ein Spiel eine Reihe an interessanten Entscheidungen ist. Und sowas gibt es bei Tetris einfach nicht – solange man halbwegs klar denkt und eventuell noch ein Auge auf die Anzeige für den nachfolgenden Stein hat, gibt es fast immer eine klar ersichtliche "beste" Position für jeden fallenden Stein – und die manuelle Bewegung, die für die Durchführung dieser Aktion erforderlich ist, bietet ebenfalls keinen großen Raum für Begeisterung oder Verbesserung (der Actionaspekt, auf den das obige Zitat natürlich nicht hinzielt). Und sonst? Nach etwa einer Minute hat man alles gesehen, was das Spiel zu bieten hat, und als einzige Schwierigkeitssteigerung erhöht sich die Geschwindigkeit – das war schon 1984 ziemlich oldschool. Grafisch war Tetris schon vom Konzept her nie interessant oder gar hübsch, aber wenigstens konnte und kann die Musik, zumindest seit den Nintendo-Versionen, überzeugen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die vielleicht bekanntesten Videospielmusiken gar keine sind – und eben dadurch so nachhaltig in allen Ohren widerklangen. Ist ja auch nicht doof, ein Volkslied (nicht zu verwechseln mit dem überproduzierten, seelenklosen Quark, der in Deutschland als "Volksmusik" verkauft wird) als Standardmelodie zu nehmen – existieren diese doch ausschließlich aufgrund von Wiedererkennbar- und Einprägsamkeit. Und so sehr ihr auch Namen wie Hülsbeck, Soule oder Yamaoka in eure Nachtgebete einschließen mögt – Bach, Tschaikowski und Blanter (obwohl, hat jemand mit Music B gespielt) stehen einfach auf einem ganz anderen Blatt.
Die Simplizität, die ich oben angriff, ist exakt das, was Tetris zum Erfolg gemacht hat – nebenbei erklärt dies auch, warum all die Nachfolger und -ahmer, sei es in 3D, mit Challenge Modes, anderer Steinauswahlmethode oder der Möglichkeit zum Ewigdrehen nie den Erfolg oder Spielspaß des Urvaters kopieren konnten – manchmal ist weniger viel mehr.
Schlüssel zum Erfolg von Casual Games wie Tetris ist nicht ihre Simplizität, sondern die Tatsache, dass aus einfach(st)en und leichtverständlichen Regeln und Mechaniken ein durchaus herausforderndes Spiel entsteht, das jeder sofort versteht, aber nur die wenigsten sofort erfolgreich meistern.
Kommentare (16)
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12.05.2010 |
jello:
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Ich fand Musik B schon immer besser als Musik A. Davon ab: Danke. Wurde Zeit, dass ihr diesen Meilensteinklassiker [wohlgemerkt in seiner Game-Boy-Variante] würdigt. |
12.05.2010 |
Leser:
| Die Menschen, die ich kenne, wollten eigentlich immer nur überleben, um "möglichst weit zu kommen". |
12.05.2010 |
Manu:
| Tetris war eines der Spiele, dich nach zu exzessiven Konsum tagsüber im Schlaf weitergespielt habe... Blöcken-Alptraum... und sie hören nicht auf! |
12.05.2010 |
SpielerZwei:
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Tetris war eines der Spiele, dich nach zu exzessiven Konsum tagsüber im Schlaf weitergespielt habe... Das ist auch so ein Phänomen. Hatte ich auch bei einer Hand voll Spielen. Am heftigsten war es damals bei Doom. Da hatte ich nach dem Spielen regelrechte Flashbacks. Nicht im Sinne von "Wahh! Ich muss töten!!", sondern rein von der Gamemechanik her. Im Falle von Doom also das Rennen durch Gänge vor dem geistigen Auge. |
12.05.2010 |
Aulbath:
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Tetris.. mein eigenes Spiel habe ich nur missbraucht um mal das mitgelieferte Linkkabel zu testen (weil Tetris nun mal jeder hatte, die Session ging afair 10-15 Minuten, danach haben wir wieder was Ordentliches gespielt, jeder an seinem Gameboy). Ansonsten, wenn man '93 die Wahl zwischen Super Mario Land 2, Terminator II und Tetris hatte... Arschlecken, Tetris. Ein Spiel was völlig Spiel-unafine Menschen gut finden konnte nichts sein (und mal ganz ehrlich, ist auch nichts... Tetris spiele ich genau 4 Reihen lang, danach ödet es mich endlos an). Nee, nee... großes Videospielkino ist anders. Wenn schon Puzzelei, dann richtig: Super Puzzle Fighter II Turbo, liebe Freunde, das Teil ist grandios! |
12.05.2010 |
Der mit dem Gnu im Schuh:
| Ich kann mir nicht helfen, aber was mich am meisten am Gameboy-Tetris genervt hat, war die Musik. Die Spheren-kläge der C64-Version waren für meine Ohren viel passender. |
13.05.2010 |
Chris:
| Das Im-Schlaf-Weiterspielen ist mir mit Tetris nie passiert - sondern erst mit Lumines auf der PSP. |
13.05.2010 |
Elmex:
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Falls jemand tatsächlich den klassiker noch nicht kennt.. http://tinyurl.com/yt57q9 immer wieder süper |
13.05.2010 |
Manu:
@Grobi: Von dem zerbombten GB war ich NY auch beeindruckt. Läuft immer noch @Chris: Lumines hab ich nie verstanden @Elmex: Liebe das Video. Und die Tetris-Melodie ist neben der von BubbleBobble einer der Dauerohrwürmer, die ich jederzeit abrufen kann. |
16.05.2010 |
Missingno.:
Ausser vielleicht für Taschenrechner und Waschmaschinen mit LED-Display. Tja, auf dem Taschenrechner meines Bruders kann man natürlich Tetris spielen. Und auf diversen Navigationsgeräten. Es gibt sogar Firmware-Updates für Fotoapparate, die dieses Spiel "installieren". Aber gut, Tetris-Waschmaschinen habe ich jetzt noch keine gesehen. |
16.05.2010 |
ness:
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Ich hatte mein ersten Kontakt mit Tetris per NES und dem beigelegtem 3-fach Modul (SMB1, Tetris & Nintendo World Cup), und bis heute gefällt mir das dritte Theme aufgrund des etwas futuristisch angehauchten Touches irgendwie am besten^^: http://www.nescenter.de/soundtracks.htm#t |
19.05.2010 |
Marco:
| Na toll. Jetzt geht die Titlemelodie 4 Tage lang nicht aus meinem Kopf raus. Shice!!1!ölf |
23.05.2010 |
erzet:
| Gute Gelegenheit, mich an meinen größten Spieleerfolg überhaupt zu erinnern (und das herauszuposaunen): das startende Spaceshuttle. Und wie es dazu kam: ein paar dezi-Stunden lang immer-wieder-nach-ein-paar-Sekunden-von-vorn-anfangen - denn da muss man bei einem gut gefüllten Screen und natürlich hoher Fallgeschwindigkeit anfangen und das hat sich zuallermeist dann sehr schnell erledigt...! Das war übrigens vor 3 oder 4 Jahren. Damit hätte ich bei Eurem Nerdometertest vor 1-2 Jahren bestimmt ein paar Punkte verdient gehabt... |
08.06.2010 |
robert:
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Ist ja auch nicht doof, ein Volkslied als Standardmelodie zu nehmen – existieren diese doch ausschließlich aufgrund von Wiedererkennbar- und Einprägsamkeit. Und so sehr ihr auch Namen wie Hülsbeck, Soule oder Yamaoka in eure Nachtgebete einschließen mögt – Bach, Tschaikowski und Blanter stehen einfach auf einem ganz anderen Blatt. Der qualitative Vergleich der Komponisten ist unnötig, da keiner von denen je ein Volkslied geschrieben haben. Ein wichtiges Merkmal derer ist nämlich nicht nur die Einprägsamkeit, sondern auch dass sie sich über eine lange Zeit im Volk entwickeln und weiterentwickeln. Und ja, sie stehen auf einem ganz anderem Blatt, denn ihre Musik erfüllt keinen Selbstzweck und haben so ganz andere Anforderungen. Und nochmal: Der qualitative Vergleich der Komponisten ist unnötig. |
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Tetris war
Hey, nicht dass jetzt jemand denkt, ich würde Tetris nicht zu schätzen wissen! Es ist ein ganz großer und zeitloser Klassiker, keine Frage! Aber irgendwie kann ich mich damit nicht ernsthaft textlich auseinandersetzen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es eben prinzipiell so simpel ist. Und sicherlich liegt es auch daran, dass ich mich lieber über Geschichten und Charaktere unterhalte als Spielprinzipien auseinanderzunehmen. Es könnte auch sein, dass der Grund darin zu suchen ist, dass Tetris so sehr Allgemeingut ist, dass sogar meine Eltern es kennen und spielen. Jeder mag Tetris und jeder spielt Tetris. Da gibt es weder Kontroversen anzuzetteln, noch neue Einsichten zu entdecken.
Trotzdem hatte auch ich meinen Spaß mit dem Ding. Und mit Tetris, versteht sich. Denn was macht man als Kind, wenn man zocken will aber nicht kann oder darf? Richtig! Man belagert die Spieleabteilung des örtlichen Kaufhofs oder steht mittags unerwartet bei den Klassenkameraden vor der Tür, die rein zufällig so einen grauen Nintendo-Ziegel besitzen. So hat sich dann schließlich auch bei mir diese unvergleichlich simple wie elegant-schöne Titelmusik auf immer und ewig unvergesslich in meine Hirnlappen gefräst. Für mich aber nach wie vor am allerfaszinierendsten: wie gut doch zumeist gerade die allersimpelsten Games auf lange Sicht begeistern können. Über eine Multimillionen-Dollar-Produktion wie, sagen wir, Far Cry 2 spricht in ein paar Jahren niemand mehr. Das simple Klötzchengeschiebe mit der lustigen Hintergrundmusik allerdings, das wird auf alle Zeiten unsterblich sein. Also… zumindest bis 2012. Danach übernehmen ja die Amöben wieder die Herrschaft. Und ich bezweifle, dass die Tetris kennen.
Warum Tetris dann trotzdem solch ein gigantischer Erfolg war? Weil selbst DEINE MUDDA das spielen kann. Eben genau WEIL die Spielmechanik so überschaubar war, WEIL es nur genau fünf Aktionen gab und WEIL das Ziel für jeden nach 30 Sekunden ersichtlich ist. Tetris war vielleicht nicht das erste, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das erste große Casualgame, lange vor Moorhuhn, Bejeweled und integriertem Solitaire. Und so sehr ich auch Tetris im obigen Text niedergemacht habe, gibt es doch einige sehr clevere Ideen. Die Beste davon ist sicherlich, dass jeder Fehler, den man macht, grafisch dargestellt wird – in diesem Falle als unvollständige Reihe irgendwo weiter unten. Es gibt keine ausgegliederten Fail States, die man beachten müsste wie Zeitlimit oder Steinbegrenzung, sondern nur das langsame Zuvollwerden des Kessels. Auf einen Blick lässt sich sagen, wie prekär die Situation ist, was getan werden muss, um sie zu verbessern – und das Tetris eben dies erlaubt, dass man gemachte Fehler wieder gutmachen kann, indem man sich nach unten durcharbeitet, negiert völlig den bei anderen Spielen so bekannten Neustartswunsch, wenn man kurz nach Beginn bereits einen Fehler gemacht hat. Dazu noch ein erstaunlich spaßiger 2-Spieler-Modus sowie die Möglichkeit der Highscorejagd (die ja das Spielverhalten durchaus verändert), und heraus kommt eins der bemerkenswertesten Produkte der Spielegeschichte.
Es gibt letztlich zwei verschiedene Spielstrategien (und zig Mischformen dazwischen): Entweder den Steineberg möglichst flach halten, also jede Lücke bestmöglich ausfüllen, kein Risiko eingehen und möglichst lange überleben (bzw. an Langeweile sterben). Oder waghalsigste Steinkonstruktionen bauen, die einen möglichst schmalen Spalt lassen, in den nur ein Vierer-Längsstein passt und damit möglichst viele Reihen gleichzeitig abräumt.


