|

Während ich Wolfenstein spielte, kam ich nicht umhin, die teilweise haarsträubenden Reviews zu diesem Spiel zur Kenntnis zu nehmen. So richtig gut wollten es eigentlich nur ganz wenige Rezensenten finden. Der Großteil der Tester hatte eine ganze Menge ominöses Zeugs zu beanstanden: Eine vorgegaukelte Open-World-Struktur, einen mäßigen Multiplayer-Teil, eine krude Story, konservatives Leveldesign und, mein ganz persönlicher Favorit, veraltete Grafik. Ich weiß ja nicht genau, welches Wolfenstein diese Berufs-Honks gespielt haben, aber meines war es ganz sicher nicht.
Wenn wir mal die ganzen Konsolen-Spin-Offs und den reinen Multiplayer-Titel Enemy Territory außen vor lassen, dann ist das von Raven Software (im Auftrag von id software) entwickelte Wolfenstein bereits der sechste Teil der legendären Castle Wolfenstein Reihe, die 1981 auf dem Apple II ihren Anfang nahm. Den meisten Menschen ist die Serie allerdings erst seit 1992 ein Begriff. In diesem Jahr erschien nämlich die Mutter aller Ego-Shooter: Wolfenstein 3D von id software. Aufgrund des überwältigenden Erfolges schob man noch im gleichen Jahr das Prequel Spear Of Destiny hinterher.
Die weniger bekannten 2D-Vorgänger Castle Wolfenstein (1981) und Beyond Castle Wolfenstein (1984) der Firma Muse Software markieren zwar den offiziellen Beginn der Serie, haben aber, mal abgesehen vom Nazi-Deutschland-Setting, fast gar nichts mit den späteren FPS-Games gemeinsam. Selbst der Hauptprotagonist William Joseph „B.J.“ Blazkowicz wurde erst von id software eingeführt.
Trotz des großen Erfolges der beiden 3D-Titel von 1992, sollte es wieder ganze 9 Jahre dauern bis die Reihe mit Return To Castle Wolfenstein einen weiteren Spross erhielt. RTCW, von id software seinerzeit an Gray Matter Interactive „outgesourced“, war 2001 ein ziemlicher Hit, was nicht zuletzt auch am sehr beliebten Multiplayer-Teil lag. Dem Spiel gelang das Kunststück, in einem aktuellen Shooter das Feeling, den Witz und die gleichzeitige Trashigkeit von Wolfenstein 3D einzufangen, ohne dabei in der doch recht simplen Gameplay-Struktur des Vorgängers zu verharren.
Innerhalb der Serie ist Wolfenstein vor allem eines: Das direkte Sequel zu Return To Castle Wolfenstein. Und wer RTCW mochte, wird sich in der Singleplayer-Kampagne sofort pudelwohl fühlen. Die herrlich absurd-trashige Story um Nazis, die mit Hilfe von okkulten Kräften dem Dritten Reich zum Endsieg verhelfen wollen, und den amerikanischen Super-Agenten B.J. Blazkowicz, der diese Pläne logischerweise durchkreuzen will, schließt mehr oder weniger direkt an die Geschehnisse im Vorgänger an. Sogar Wilhelm Strasser, der Bösewicht aus RTCW, ist wieder mit von der Partie. Beide Spiele vermitteln nicht von ungefähr ein „bondesques“ Gefühl. Allein das Intro von Wolfenstein, in dem B.J. während einer völlig anderen Mission auf die Vorgänge in Isenstadt stößt, lässt keinen Zweifel daran, dass die Spiele auf eine ähnliche Weise miteinander verknüpft sind wie die einzelnen Bond-Filme. Und wer das Sitzfleisch besitzt, die nervig langen Credits durchzustehen, bekommt am Ende auch noch einen Hinweis darauf, mit wem es Blazkowicz wahrscheinlich im nächsten Teil zu tun bekommt. „James Bond B.J. Blazkowicz will return in...“
Spielerisch ist Wolfenstein tatsächlich das, was viele Rezensenten inzwischen abfällig als „Old-School-Shooter“ bezeichnen, weil für den Mainstream anscheinend neuerdings Spiele wie COD4 oder Gears of War im FPS-Genre das Maß aller Dinge geworden sind. Alle Spiele, die sich nicht an diesen Titeln orientieren, werden gnadenlos in der Wertung abgestraft. Dabei bemüht sich Wolfenstein redlich, nicht zu altbacken daher zu kommen: Mit dem okkulten Medaillon erhält B.J. im Verlauf des Spiels diverse Spezialfähigkeiten, die das Gameplay auf interessante Art bereichern. Es gibt tonnenweise coole Waffen, die sehr unterschiedlich sind und zudem vielfältig verbessert werden können. Der sonst übliche lineare Ablauf der Missionen wird dadurch etwas aufgebrochen, dass Isenstadt mehr oder weniger frei begehbar ist und dem Spieler dadurch an einigen Stellen ermöglicht, optionale Missionen anzunehmen bzw. die Missionsreihenfolge zu variieren. Was fälschlicherweise von einigen Schreiberlingen als „vorgegaukelte Open-World-Struktur“ bezeichnet wird, ist kein verkapptes FarCry 2, sondern eine Hub-Struktur, wie sie damals auch schon Quake 2 hatte. Isenstadt ist ein Missions-Hub mit Waffenhändlern und Missionsgebern, keine offene Welt. Etwas anderes will es auch gar nicht sein.
Und wo wir schon bei den Inkompetenzen Missverständnissen einiger Reviews sind, können wir auch gleich mal einen Blick auf die „veraltete Grafik“ werfen:
Wolfenstein sieht richtig toll und stimmig aus, hat dabei extrem kurze Ladezeiten und läuft auch auf etwas älteren Rechner noch wie geschmiert! Die Tatsache, dass das Spiel auf einer modifizierten idTech4-Engine läuft, die schon Doom 3 als Untersatz diente, ist noch lange nicht mit veralteter Grafik gleichzusetzen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne daran, dass Half-Life 1998 auch auf einer ziemlich alten Quake-Engine basierte, die man aber entsprechend modifiziert hatte, um das Spiel dennoch deutlich besser aussehen zu lassen.
Und was sagt das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von aktuellen State-Of-The-Art-Effekten überhaupt über die tatsächliche grafische Qualität eines Spiels aus? Es gibt viele Spiele, die zwar mit aktuellen Grafikspielereien um sich werfen, aber trotzdem in ihrer Gesamtheit ziemlich kagge aussehen. Viel entscheidender als die reine Technik im Hintergrund ist doch das gesamte Art-Design, das „Look & Feel“ eines Spiels. Und in dieser Hinsicht macht Wolfenstein, zumindest für meinen Geschmack, fast alles richtig. Das Spiel ist grafisch ganz und gar nicht veraltet, was auch immer diese nichtssagende Worthülse überhaupt aussagen möchte, sondern hinterlässt gerade in diesem Bereich einen sehr angenehmen Eindruck, der gerade innerhalb des Settings und des Gesamtkontextes der Serie kaum besser hätte ausfallen können. Aber was rege ich mich unnötig auf? Es ist ja eh immer das gleiche: Ein Depp schreibt es auf und 50 andere Idioten schreiben es ab...
Ebenso ist mir völlig unverständlich, wie man auf der einen Seite über den einzigen wirklichen Kritikpunkt aus „Old-School-Sicht“, nämlich das Auto-Healing, kommentarlos hinwegsehen kann, aber auf der anderen Seite das Gold-Sammeln kritisiert. Ersteres finde ich, wie schon an anderer Stelle oft erwähnt, total zum kotzen, weil es für mich der Inbegriff der Casualisierung des FPS-Genres durch die Konsolen-Shooter ist. Aber wie gesagt, neuerdings ist ein inhaltlich fragwürdiges und spielerisch relativ flaches Spiel wie COD4 wohl die Messlatte für alle anderen FPS geworden. Ich persönlich hätte im Spiel viel lieber altmodische Medipacks gesehen als diese Weichei-Mechanik, die die Gesundheit wie von Geisterhand wiederherstellt, wenn man sich ein paar Sekunden hinter einer Mauer versteckt, aber mich fragt ja nie einer...
Das Sammeln von Gold hingegen ist seit 1981 ein zentraler Bestandteil der Wolfenstein-Reihe und von daher schon in jedem Teil Pflicht. Aber um es nicht zur bloßen Verbeugung vor den Vorgängern verkommen zu lassen, hat man es im aktuellen Spiel sogar sinnvoll mit dem Upgradesystem der Waffen und Fähigkeiten verbunden. Was ist daran bitte schön auszusetzen?!
Nachdem ich bisher fast nur an den Braille-Reviews anderer Leute herumgemäkelt habe, wird es nun wohl höchste Zeit, Euch mitzuteilen, was ich eigentlich von dem Spiel halte:
Wolfenstein ist wirklich kein Genre-Meilenstein. Dazu fehlt es ihm eindeutig an spielerischer Eigenständigkeit oder gar Innovation. Alle grundlegenden Elemente hat man selbstverständlich auch schon in anderen Shootern gesehen. Es ist aber auch nicht der hoffnungslos antiquierte Retro-Shooter, als den es Euch viele Reviews verkaufen wollen. Das Missions-Hub-System, die Medaillon-Fähigkeiten, die Upgrades, die gar nicht so schlechte KI und die vielen, sinnvoll einsetzbaren und sich sehr gut anfühlenden Waffen halten das durchaus traditionsbewusste FPS-Gameplay frisch genug, um auch heutzutage noch überzeugen zu können. Die super-abgefahrene Trash-Story und das rundum stimmige Spieldesign fügen sich wunderbar in den Kontext der Serie ein und lassen nicht nur Castle Wolfenstein-Fans vollends befriedigt zurück. Gerade für Leute wie mich, denen die „normalen“ WWII-Shooter von der Stange schon seit Jahren aus dem Halse hängen, ist das neue Wolfenstein geradezu der einzige Lichtblick in einem ansonsten nervtötend-uniformen Sub-Genre, das ich lieber gestern als morgen sterben sehen möchte.
Die paar kleineren Zugeständnisse an aktuelle FPS-Standards (Auto-Healing und SavePoint-System), welche uns PC-Spielern primär die Konsolen-Shooter in den letzten Jahren versaut haben, kann man durchaus verschmerzen. Wer oft Shooter spielt und es etwas fordernder mag, sollte vielleicht nicht unbedingt auf „Normal“ spielen, sondern gleich einen der beiden höheren Schwierigkeitsgrade wählen, da mir Wolfenstein in der mittleren Einstellung doch teilweise etwas zu einfach erschien. Ansonsten habe ich aber rein gar nichts zu meckern. Ich hatte sehr viel Spaß mit der Solo-Kampagne und fand das Spiel keinen Deut schlechter als das ebenfalls großartige Return To Castle Wolfenstein. Für FPS-Fans, die Wert auf ein insgesamt sehr stimmiges Gamededsign und sehr gutes, aber bodenständiges Shooter-Vergnügen legen, ist Wolfenstein eine ganz klare Kaufempfehlung!
Den Multiplayer, der übrigens nicht von Raven Software, sondern von den Endrant Studios entwickelt wurde, habe ich mangels Zeit und Lust nicht näher unter die Lupe genommen, aber Ihr könnt Euch ja bei den „Profis“ der Schreibenden Zunft „informieren“, wie gut er sich gegenüber COD4 schlägt...

Zum Schluss noch ein paar Worte zur lokalisierten Fassung des Spiels:
In der deutschen Version des Spiels hat man, wie schon in RTCW, die Nazis zu Wölfen, einer Okkultistengruppe mit Weltherrschaftsplänen, gemacht und dementsprechend alle verfassungsfeindlichen Symbole entfernt. Prinzipiell muss ich natürlich keine Hakenkreuze in einem Computerspiel haben, aber da sich hieraus auch eine gravierende inhaltliche Änderung ergibt, finde ich diese Art der Lokalisation schon ziemlich bescheiden. Ein merkwürdiger Geheimkult, der seltsamerweise NS-Uniformen ohne entsprechende Insignien trägt, und noch seltsamerweise über nahezu unerschöpfliche Resourcen verfügt und die Weltherrschaft anstrebt, ist irgendwie nicht halb so glaubwürdig und immersiv wie die okkultistischen Nazis, mit denen sich schon Indiana Jones herumschlagen musste. Und wo ich schon mal beim schlapphuttragenden Archäologen bin, drängt sich mir die Frage auf, warum eine derartige Zensur von Computerspielen hierzulande immer noch von Nöten ist, wo doch unlängst der Deutsche Kulturrat Computer- und Videospielen offiziell den Status des Kulturgutes zugestanden hat. In Folge dessen müsste es einem Computerspiel inzwischen ebenso gestattet sein, NS-Symbolik in einem entsprechenden Kontext zu verwenden, wie es beispielsweise Filme schon seit jeher dürfen, oder? Wahrscheinlich ist es sogar tatsächlich so und es fehlt bisher nur ein Publisher, der bereit ist, sich dieses Recht auch zu erstreiten. Naja, wie auch immer. Zusätzlich zu den Änderungen bezüglich der NS-Symbolik, welche sich leider auch inhaltlich niederschlagen, hat man auch einige Dismemberment-Effekte der Original-Version entfernt, um dem deutschen Jugendschutz Rechnung zu tragen, was ebenfalls irgendwie strange ist, weil das Spiel trotzdem keine Jugendfreigabe erhalten hat und Dead Space erst kürzlich bewiesen hat, dass man diese auch mit Dismemberment ohne Probleme nicht erhalten kann... Lustige Formulierung, nicht wahr?
|