| Hart aber fair |
| Geschrieben von: SpielerVier | |||
| Mittwoch, den 29. November 2006 um 08:04 Uhr | |||
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Gerne schriebe ich an dieser Stelle davon, wie ich mir die Nächte mit dicken Augenringen und Jagged Alliance 2 (im Folgenden schlicht mit JA2 abgekürzt) um die Ohren geschlagen habe. Wie ich mich mit Fidel fast verbrüderte und bei jeder Aktion von Shadow mitgefiebert habe. Was jedoch nie der Fall war. Aber anscheinend gehört es bei jedem Artikel eines JA2 auch nur sehr vage ähnlichen Spiels dazu, so zu tun, als wenn man außer JA2 jahrelang nichts gezockt hat. So à la "He, guckt mal, ich bin so ein Hardcore-Taktiker; mir kann’s nie zu schwer sein." oder auch "Ha, ich weiß noch... JA2 und Commandos... viel zu einfach, pah!". Gibt es irgendwo da draußen etwa ein Paralleluniversum, in dem sich die gesamte Menschheit endlosen JA2-Sessions hingibt? Ich habe JA2 zwar gespielt, aber nie so krankhaft-besessen, wie es einige Leute vorgeben getan zu haben. Das Prinzip des Anheuerns von Söldnern und dem stückweisen Befreien von Arulco war sicher ganz spaßig, aber irgendwann hat sich dann die Routine eingestellt. In einen Sektor latschen, Kampf abwickeln, Miliz aufstellen. Fertig. Und mal ehrlich: Deidranna war in den "Zwischensequenzen" sicherlich schön böse, aber den Drang, ihre Diktatur zu beenden, verspürte ich eigentlich nicht. Doch was mussten meine entzündeten Ohren vor einiger Zeit vernehmen: Eine Art inoffizieller Nachfolger war im schönen Russland in Arbeit. Ein paar beinharte Fans, denen es anscheinend gar nicht hardcore genug zugehen kann, haben zusammen mit Shaun Lyng – seines Zeichens Autor und Co-Designer von JA2 - ein Taktik-Spiel mit dem etwas befremdlichen Namen Brigade E5 entworfen, dass zusätzlich den ziemlich dreisten Untertitel "New Jagged Union" besitzt. Um die vielleicht dringendste Frage gleich zum relativen Beginn (*hust*) zu beantworten: Nein, BE5 löst JA2 (ich liebe Abkz.) nicht ab. So. Jetzt wisst ihr es. Aber wehe, ihr denkt jetzt, dass ihr euch den restlichen Artikel sparen könnt. Nun habt ihr bereits so weit gelesen, da könnt ihr doch gleich da bleiben. Auch erfahrene Taktiker sollten unbedingt die ersten Schritte im Tutorial absolvieren und zusätzlich das relativ gute Handbuch zu Hilfe nehmen. Die Bedienung von BE5 gehört nicht gerade zu den komfortabelsten seines Genres. Vor dem Start der Kampagne sucht man sich noch den passenden Schwierigkeitsgrad aus oder de- und aktiviert beliebig die einzelnen Optionen. Daumen hoch, eine sehr gute Idee. Und so ziemlich die einzige Möglichkeit für Neulinge nicht gleich im erstbesten Feuergefecht den Rechner zu demolieren. Wer immun gegen kritische Treffer sein möchte, mit Medkits die komplette Gesundheit wiederherstellen will und ein vereinfachtes Finanzsystem benötigt, kann sich den Grad seiner Herausforderung maßschneidern. Die Bandbreite der Schwierigkeit reicht dabei von "sehr schwer" bis "quasi unmöglich". Ganz im Ernst, bitte überschätzt nicht den Taktiker in euch, auch wenn ihr Erfahrungen auf diesem Gebiet besitzt bzw. glaubt zu besitzen. Spätestens wenn euer erster Söldner von einem Feind aus ca. 80m Entfernung mit einer rostigen Schrottpistole einen sauberen Kopfschuss erhält oder mit verletzten Beinen und schwerem Schockschaden hilflos vor sich hin krebst, weiß man, welche Dimensionen Frust wirklich annehmen kann... Zu Beginn des eigentlichen Spiels sucht man sich natürlich erst mal den Hauptsöldner aus und verpasst ihm oder ihr einen Spitznamen und ein Spezialgebiet, wie z.B. Scharfschütze oder Mediziner. Nun kann man entweder das Spiel sofort mit dieser Figur beginnen oder beantwortet einige Fragen, um den Charakter in eine beliebige Richtung zu lenken. Da die Beantwortung der Fragen nicht immer unbedingt klar ist ("Wo haben Sie gedient?" "Beim FSB." - Was zum...?! Beim Front Side Bus?!), kann man sich unbesorgt gleich ins Getümmel stürzen. Die Reise beginnt im fiktiven Tropenstaat Palinero, bei der die Ausgangssituation besser nicht sein könnte: Man ist verletzt, hat außer einem kaputten M16 nur eine popelige Pistole zur Verfügung und steht mitten in den Unruhen zwischen Regierung, Rebellen und Banditen. Das komplette Spiel läuft grundsätzlich in Echtzeit ab. Man kann jedoch jederzeit in den Pausen-Modus wechseln und in Ruhe planen und Befehle erteilen. Jede Aktion benötigt dabei eine realistische Menge an Zeit, die bis auf hundertstel Sekunden berechnet wird. Zusätzlich kann man selbst noch definieren, bei welchen Ereignissen (z.B. Feind entdeckt, fliegende Granate entdeckt, etc.) automatisch pausiert wird. Die KI-Gegner machen eine recht gute Figur, vorausgesetzt man hat vor Spielstart nicht ihre Routinen beschnitten. Es wird oft versucht, den Trupp des Spielers an einer ungeschützten Seite anzugreifen, und auch Granaten werden sehr gerne eingesetzt. Dazu kommt noch, dass die Feinde fast immer in erdrückender Überzahl auftauchen. Dementsprechend haarig sind vor allem die anfänglichen Kämpfe, wenn man quasi ohne Ausrüstung und allein unterwegs ist. Die Gegner frühzeitig zu erspähen ist fast schon die halbe Miete. Da unser Held zu Beginn jedoch ähnlich gefährlich wie ein taub-blindes Küken ohne Füße ist, sollte man tunlichst bedächtig vorgehen. Hier kommt eine interessante Komponente ins Spiel: Der Adrenalinpegel. Ein kleines Diagramm zeigt den aktuellen Wert an, der z.B. durch Verletzungen und das spontane Auftauchen von Gegnern steigt. Ist dieser Pegel sehr hoch, wird der Kämpfer hektisch, kann kaum noch richtig zielen und fällt für eine Runde Mikado quasi völlig flach. Bei den Feuergefechten spielt eine Vielzahl an Faktoren eine gewichtige Rolle, z.B. Position des Schützen, Abstand zum Ziel, Waffenklasse, Menge der Kämpfer-Energie, Uhrzeit, Blutgruppe, Farbe der Unterhosen, Anzahl der Zähne, ob man eher der Coca-Cola- oder Pepsi-Trinker ist, usw. Und das ist sogar nur eine stark simplifizierte Fassung... Zwischen den Gefechten reist man mit seinem Trupp auf einer Weltkarte von einem Sektor zum nächsten. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, ob man befestigte Straßen oder den direkten Weg durchs Gestrüpp wählt: Wer er lieber komfortabel mag, kommt zwar schneller voran, läuft allerdings auch häufiger Gefahr von feindlichen Patrouillen entdeckt und zum Kampf gebeten zu werden. Eine Wanderung durchs Grünzeug ist zwar für die Kämpfer ermüdend und benötigt mehr Zeit, dafür wird man nicht so leicht entdeckt. Verschiedene NPC in den Dörfern und Städten vergeben Aufträge, die meist das bitter benötigte Geld einbringen. Eine echte Konversation findet nicht statt, meistens klickt man sich durch die üblichen Standardsätze. Mit genügend Bargeld können sich Waffennarren und Militärfetischisten so richtig austoben. Zur Verfügung stehen haufenweise Pistolen, Gewehre, Sturmgewehre, Scharfschützengewehre und noch viel mehr. An Granaten gibt’s u. a. diverse Rauch-, Splitter- und Offensiv-Exemplare. Nicht ganz alltäglich ist das Feature vom Minen- und Spanndrahtlegen. Kommen wir nun zu den nicht erfreulichen Dingen, und davon bietet BE5 ebenfalls mehr als genug. Die Grafik... nun ja... ist zweckmäßig. Ich weiß nicht, woher die Vorliebe von osteuropäischen Entwicklern für depressive Endzeitgrafik herrührt, aber BE5 ist ein typischer Vertreter davon. Die meist braun-grünen Texturen wirken hochgradig künstlich und sind wenig detailliert. Die Figuren gehen noch halbwegs in Ordnung, leider gibt es nur wenige Modelle. Die Areale erlauben zwar eine Vielzahl an Vorgehensweisen, sind jedoch oft so kahl gefegt wie nach einem Atomschlag. Das Innere von Gebäuden ist seltsam leer und steril; Einrichtungsgegenstände fehlen oft völlig. In Deutschland wurde BE5 von Morphicon (im Forum bereits in Morphium-Con umtituliert, aber dazu später mehr...) bzw. Peter-Games veröffentlicht. Das zweite große Manko sind die Bugs. Die zufällig generierten Paketmissionen kann man quasi komplett vergessen: Mal wird der Auftrag kurz nach der Annahme als gescheitert gewertet, ein anderes Mal verschwindet er spurlos aus dem Questlog. Die anderen Quests sind ebenfalls teilweise recht stark fehlerbehaftet, die Paketaufträge schießen den Vogel aber ab. Die Liste an Fehlern und Ungereimtheiten ließe sich noch locker fortführen. Die Fehler sind einzeln gesehen zwar kein Beinbruch, in der Gesamtheit jedoch sehr störend, wenn auch nicht wirklich kritisch. Es sind eher unschöne Flüchtigkeitsfehler, die mit etwas mehr Sorgfalt und Feinschliff mühelos hätten vermieden werden können. BE5 wurde für den deutschen Markt in einer blutleeren Fassung herausgegeben. Nun bin ich mit Sicherheit kein krankhafter Splatterfan, in einem so taktischen Spiel bringt die Blutarmut jedoch einen gravierenden Nachteil mit sich, denn verletzte und fliehende Feinde können nicht anhand ihrer Tropfenspur verfolgt werden. Was bleibt am Ende als Erkenntnis? Apeiron hat mit Brigade E5 ein erstaunlich gutes Erstlingswerk abgeliefert, dass in Punkto Kampfsystem das Vorbild Jagged Alliance 2 bereits locker in die Tasche steckt. Wenn sie jetzt noch beim Nachfolger das Drumherum stark verbessern und den Söldnern mehr Persönlichkeit einhauchen, dürfte es endgültig abgelöst werden. Kommentare (0)
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