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Zunächst mit viel Brimborium als einer der ersten Wii-Titel 2006 zum Konsolen-Release angekündigt und dann für 2 Jahre komplett vom öffentlichen Radar verschwunden: Disaster: Day Of Crisis. Im vergangenen Monat ist das Survival-Spiel von Monolith Soft dann doch noch erschienen, wurde aber vom Publisher Nintendo mit herzlich wenig PR bedacht und dementsprechend bisher auch kaum von den Spielern wahrgenommen. Dabei ist das Setting des Spiels geradezu irrwitzig spektakulär und müsste allein schon deshalb ein größeres Medienecho bekommen. Innerhalb nur eines Tages bekommt es unser Held Raymond Bryce mit so ziemlich jeder Naturkatastrophe zu tun, die man sich nur vorstellen kann: Hurricanes, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Großbrände, Überschwemmungen, you name it. Und als wäre das Ganze nicht schon over-the-top genug, gesellt sich noch die abtrünnige Elite-Einheit SURGE dazu, die die Regierung mit der Zündung geklauter Atomsprengköpfe erpresst und nebenbei noch die Schwester von Rays bestem Kumpel entführt. Ein echter Scheißtag. (Wem in dieser ohnehin absurden Aufzählung eventuell noch ein Asteroid fehlt, der unaufhaltsam auf die Erde zurast, der sollte den Abspann des Spiels unbedingt abwarten und nach dem Epilog ein weiteres Spiel starten...) Natürlich denkt man zuerst „Holy crap! Wer hat sich denn diesen Schwachsinn ausgedacht?", aber im Grunde genommen ist Disaster quasi nichts weiter als zwei ganz normale Bruce Willis-Filme in einem: Die Hard trifft Armageddon! - Na? Klingt doch eigentlich gar nicht so schlecht, oder? Der ultimative Action-Disaster-Popcorn-Blockbuster! Die Frage ist halt nur, ob das Ganze auch als Videospiel funktioniert ...
Ja, tut es! Zumindest für mich. Aber ich bin mir auch ziemlich sicher, dass eine ganze Menge Leute das Spiel bestimmt total bescheuert finden werden. Nicht weil es eine völlig überzogene Story hat. Die funktioniert nämlich, wie ich noch erläutern werde, überraschend gut. Vielmehr wird das Spiel den einen oder anderen Junkie deshalb vor den Kopf stoßen, weil es in seiner Machart sehr speziell ist. Das fängt schon damit an, dass Disaster in keine Genre-Schublade passen will, weil das gesamte Gameplay ein irrer Mix aus diversen Elementen ist, die sich ständig die Klinke in die Hand geben. Da haben wir z.B. die Lightgun-Rail-Shooter-Sequenzen, die aber irgendwie auch nicht richtig den Genre-Standards folgen, weil man zwar automatisch vorrückt, wenn die Gegner erledigt wurden, der Spieler aber dennoch zu viel Handlungsfreiheit besitzt, um von einem klassischen Rail-Shooter zu sprechen. Dann gibt es die Abschnitte, in denen der Spieler mit Ray frei in der Third-Person-Perspektive durch die Level laufen kann und dabei beispielsweise Puzzle löst oder zivile Katastrophenopfer rettet. Nicht zuletzt ist Ray auch oft im Auto unterwegs, was sich wiederum gänzlich anders spielt. Und dies sind nur die wichtigsten Gameplay-Bestandteile, welche noch durch unzählige „Minispiele" ( was im Zusammenhang mit der Wii ausnahmsweise mal nicht negativ gemeint ist) ergänzt werden. Es gibt zwar einige immer wiederkehrende Haupt-Gameplay-Elemente, aber dank der vielen kreativen Variationen ist absolut kein Abschnitt des Spiels wie der andere. Ich kann mich gerade tatsächlich nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal ein Spiel gespielt habe, das so eine abwechslungsreiche Spielmechanik hatte (Rayman Raving Rabbids oder andere Minispielsammlungen einmal außen vor gelassen)! Die einzelnen Spielelemente sind zwar für sich genommen alle nicht neu oder überdurchschnittlich toll umgesetzt, aber in seiner Gesamtheit ist das Spiel auf jeden Fall etwas Besonderes. Und es macht einen Heidenspaß!
Zwischen den 23 einzelnen Levels, die jeweils wiederum in diverse Abschnitte unterteilt sind, gibt es zudem viele Möglichkeiten, sowohl Rays Fähigkeiten als auch sein Waffenarsenal ordentlich aufzustocken. Dies geschieht, indem man Helden- und Kampfpunkte, welche man für absolvierte (und teils optionale) Aufgaben bekommen hat, in entsprechende Upgrades investiert. Somit ist also auch noch eine Prise RPG mit im Eintopf.
Trotz der sehr unterhaltsamen Vielfalt in der Spielmechanik, sollte eines aber klar sein: Entgegen dem üblichen Ansatz der meisten Videospiele fungiert das Gameplay bei Disaster primär als Vehikel für die Story, nicht umgekehrt. „Interaktiver Film" fällt einem da sofort als Schlagwort ein, aber das ist im Laufe der 90er ja eher zu einem Schimpfwort für grottige Spiele mit Videosequenzen geworden, weshalb ich dieses Label hier keinesfalls verwenden möchte. Dennoch ist Disaster so etwas Ähnliches, denn es geht hauptsächlich wirklich nur darum, dem Spieler einen coolen und überdrehten Action-Movie zu präsentieren. Dies bringt natürlich zwangsläufig ein paar „Nachteile" mit sich, die manchen Spielern grundsätzlich, egal wie gut sie gemacht sind, auf den Sack gehen: Das Spiel ist sehr linear aufgebaut, nicht sonderlich schwierig und aufgrund des „Spielmechanik-Mixes" spielerisch im Detail vielleicht etwas flach. Dass dies im Gesamtkontext des Spiels keine wirklichen Nachteile sind, kann ich hier nicht oft genug betonen, aber die unverbesserlichen Betonköpfe unter Euch werden das Teil nun vermutlich schon abgehakt haben... Wenn ein Spiel schon den Schwerpunkt auf die Präsentation der Story bzw. das „Movie-Feeling" legt, dann sollte es dies immerhin ordentlich machen. Und ist die Wii als Exklusivplattform da nicht vielleicht die denkbar schlechteste Wahl? Nicht wirklich.
Wie uns in letzter Zeit schon ein paar andere Spiele gezeigt haben, ist die Wii bezüglich ihrer Grafikleistung eigentlich gar nicht soooo schlapp, wie man anfangs dachte. Die nüchterne Wahrheit ist tatsächlich, dass sich die meisten Entwickler einfach keine Mühe mit der Konsole geben. Monolith Soft gehören aber nicht zu diesem Verein der „Casual-Gamer-Hinschlunz-Abzock-Spieleentwickler", denn Disaster: Day Of Crisis wird seinem filmischen Anspruch überraschend gut gerecht! Natürlich gibt es keine HD-Grafik. Und auch einige Texturen hätten durchaus höher aufgelöst sein können. Aber Alles in Allem macht die Präsentation des Spiels wirklich eine Menge her! Regen, Nebel, Feuer, Rauch und Wasser, welche natürlich unabdingbar sind, wenn man schon solch ein Katastrophen-Feuerwerk abbrennen will, sehen alle sehr schick aus. Die virtuelle Kameraarbeit wurde sehr stilecht umgesetzt, so dass Tsunami, Hurricane, Erdbeben und Co. nicht als Schmierentheater verpuffen. Auch der Variantenreichtum der Spielumgebungen steht dem des Gameplays in nichts nach. Und der Soundtrack, die Effekte sowie die tolle Synchronisation (es gibt glücklicherweise nur lokalisierte Untertitel) würden auch einem gleichgearteten Kinofilm gut zu Gesicht stehen. Disaster ist definitiv einer der wenigen Wii-Titel, die den Spieler überrascht sagen lassen: „Ach?! Das geht auf der Wii ja doch...!" Und das Beste: Gameplay, Präsentation und Story wurden wunderbar miteinander verwoben, so dass Disaster trotz aller Überzeichnung einen schön runden Gesamteindruck hinterlässt! Wer sich von Euch noch an die Einleitung erinnern kann (das ist immerhin einige Absätze her...), wird wahrscheinlich immer noch mit dem dort geschilderten Szenario hadern. Und ich gebe Euch auch prinzipiell Recht: Da hat jemand absurd viele Dinge in eine Story gepackt, die im Spiel lediglich einen einzigen Tag umfasst. Aber anstatt noch länger darüber nachzudenken, welche Drogen die Entwickler nehmen und wo man diese kaufen kann, sollte man lieber das Gleiche machen, was sich auch bei entsprechenden Filmen bewährt hat: Hirn abschalten, Popcorn und Chips bereitlegen und Spaß haben. Gelingt einem dies, so entfaltet Disaster, allen offensichtlichen Logikfehlern zum Trotz, mehr Konsistenz und Charaktertiefe, als viele Hollywoodfilme des gleichen Genres. Wie wir im Prolog des Spiels, welcher gleichzeitig auch als Tutorial fungiert, erfahren, ist Ray ein idealistischer Ex-Marine, der nun bei einem internationalen Rettungsteam arbeitet. Es ist also ohnehin sein Job, Leute aus Katastrophengebieten zu retten. Und der Umgang mit Schusswaffen ist ihm auch nicht gerade fremd. Diese Tatsache macht seine Rolle als Held immerhin um einiges plausibler, als wäre er... na, sagen wir mal Sparkassenangestellter... oder Ölbohrspezialist...
Und auch die Umstände, unter denen Ray, der übrigens lustigerweise exakt wie Wolverines kleiner Bruder aussieht, in diesen ganzen Schlamassel gerät, sind, zumindest innerhalb der Grenzen der allgemeinen Hollywood-Blockbuster-Logik, durchaus schlüssig. Aus Gründen der Spoilerfreiheit kann ich das alles jetzt natürlich nicht weiter erläutern, aber in Anbetracht des überaus absurden Grundsettings ist das Spiel im Großen und Ganzen wirklich erstaunlich logisch! Und das umfasst, wie bereits angesprochen, auch das Gameplay: Da Ray bei einem Rescue Team arbeitet, kann er auf seiner Jagd nach den Terroristen natürlich nicht einfach an den vielen zivilen Opfern der Naturkatastrophen vorbei schlendern. Da wollen Wunden versorgt, Menschen wiederbelebt und sogar streunende Hunde in Sicherheit gebracht werden. Die Rettungsaufgaben erinnern manchmal ein wenig an die Trauma Center-Spiele, ohne dabei aber so beschissen wie selbige zu sein. Die Wii-Steuerung wird dabei immer kräftig in all ihren Variationen eingesetzt. Man fuchtelt im Spiel oft wild mit WiiMote und Nunchuck in der Luft herum, was im Gegensatz zu vielen anderen Titeln aber nie zum reinen Selbstzweck verkommt oder gar nervt. Fast jeder Einsatz der verschiedenen Steuerungsvarianten macht Sinn und auch Spaß! Das gilt sogar für die von Spielern so oft gehassten Quick-Time-Events, welche auch Disaster wohldosiert einsetzt.
Disaster: Day Of Crisis ist eine echte Kaufempfehlung für Casual- und Hardcore-Gamer gleichermaßen. Das Spiel ist einerseits sehr eingängig und bedienungsfreundlich, bietet erfahrenen Spielern aber andererseits auf „Schwer" noch genügend Herausforderung. Wer sich nicht vom linearen Aufbau oder dem bunten Genre-Misch-Masch abschrecken lässt, bekommt 10-12 Stunden interaktives Popcorn-Action-Kino vom feinsten geliefert! Außerdem haben wir mit Ray endlich mal einen Helden, der nicht im Namen des Guten mehr Kollateralschäden anrichtet als die eigentlichen Bösewichte, sondern unterwegs sogar noch Zivilopfer versorgt. Das gibt es ja auch nicht alle Tage. Einen Mehrspielermodus besitzt das Spiel zwar leider nicht, aber dafür bietet es durch jede Menge Freispiel-Zeugs und Nebenaufgaben durchaus einiges an Wiederspielwert (siehe meinen Einleitungs-Wink mit dem Asteroiden...!). Wir haben wirklich lange genug darauf gewartet, aber so nach und nach kommen sie ja, die echt guten Singleplayer-Spiele für die Wii!
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Allein, ne Wii hab ich nich. Und solange es nicht noch ein paar mehr Titel gibt, die mich ähnlich reizen, wird sich das auch nicht ändern.