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Sagt euch "Imagination is the only escape" etwas? Luc Bernard - der Entwickler, der kürzlich mit "Eternity’s Child" bereits einen simplen Plattformer scheinbar total gegen einen Betonpfeiler gefahren hat - arbeitete bis vor kurzen an einem weiteren Vertreter dieses Genres für Nintendo DS. Dieses Spiel war als "Edutainment"-Titel über den Holocaust platziert, mit Kindern als Zielgruppe. Dieses Konzept muss ich jetzt kurz sacken lassen und dann nochmal wiederholen. Also: Kinder sollten über Plattformen hüpfend und springend etwas über Deutschland dunkelstes Kapitel lernen. Natürlich haben da sofort allerhand vordefinierte Verhaltensmuster gegriffen. Family-friendly Nintendo of America schloss Naziverbrechen und Hakenkreuze auf ihren Plattformen kategorisch aus und brachte damit den Blätterwald zumindest ein kleines bisschen zum rauschen. Bernard arbeitete derweil weiter an dem Titel, glaubte an einen separaten Release in Europa und dachte auch über eine Version für WiiWare nach. Inzwischen hat Luc Bernard scheinbar wegen des harten Gegenwindes seine Bestrebungen, Spielesoftware zu entwickeln, generell eingestellt. Wohlgemerkt aufgrund der Kritik an "Eternity’s Child" und nicht wegen der Kontroverse um "Imagination is the only escape". Das Thema hat sich also eigentlich während des Schreibens an diesem Artikel erledigt, trotzdem möchte ich ihn nicht komplett im Nirvana verschwinden lassen. Meine Meinung hat sich zwar anhand des konkreten Spiels entwickelt, vertritt aber auch ohne dieses - so denke ich - einen validen Standpunkt.
Ich bin bereits früher einmal über "Imagination is the only escape" gestolpert, aber im Gegensatz zum letzten Mal hat es mich danach nicht mehr so richtig losgelassen. Hier möchte ich nun ausführen, warum. Viel zu häufig erfährt man durch die Medien Geschichten über Kinder, denen schreckliche Dinge geschehen. Ich konnte über diese Geschichten einigermaßen nüchtern reden, ich war immer angemessen erschüttert, aber im Grunde sind diese Dinge an meiner Hülle aus Zynismus abgeprallt, in der ich mich schön gemütlich eingekapselt hatte. Seitdem ich selbst Vater geworden bin, habe ich an mir selbst festgestellt, dass mich solche Nachrichten mich wesentlich härter und etwas in meinem Inneren treffen. Ich bin emotional irgendwie stärker involviert. Der Kontrast zwischen den aktuellen Bildern aus dem Kaukasus, die Flüchtlinge mit Kindern zeigen - Propaganda hin oder her - und meinem frischgeborenen, fröhlich glucksenden Mitbewohner macht mich zum Beispiel fertig. Und jetzt stand da ein Videospiel vor der Tür, welches dem Spieler in die Perspektive eines kleinen Jungen bringen möchte, dem unmittelbar furchtbare Gewalt droht. Für mich, der die Welt plötzlich mit einer ganz leicht verschobenen Perspektive wahrnimmt, ist das alleine schon recht starker Tobak. Ob und wie sehr sich meine Sichtweise auf Videospiele noch ändert - besonders auf die Gewalttätigen darunter - wird sich noch zeigen. Ich bin selbst gespannt. Noch winkt in einer weit entfernten Ecke meines Hinterkopfes die Frau von Reverend Lovejoy ("denkt denn um Himmels Willen niemand an die Kinder?"), wenn ich Sätze sage wie: "Kinder sind unser kostbarstes Gut" und auch dann leichte Beschwerden habe, wenn sie "nur" virtuell Gefahren ausgesetzt sind. Aber da ist noch mehr. Jetzt muss man wissen, dass ich mich aus ich weiß noch nichtmal genau welchen Gründen doch einigermaßen stark für deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 interessiere. Und ich rede hier nicht von Guido Knopp, okay? Ich glaube, was mich umtreibt ist die Frage, wie ich mich in dieser Zeit verhalten hätte und durch die Antwort erwarte ich eine gewisse Einsicht darin, wie die zahllosen Otto Normalbürger von nebenan das alles um Gottes Willen nur haben zulassen können. Ein vermutlich fruchtloses Unterfangen. Ich krieg’s einfach nicht in meinen Kopf. Klar: Daten, Zahlen, Namen, Orte, Abläufe, nüchterne Fakten gibt es in diversen Quellen, u.a. auch im Netz, zuhauf. Berichte von Überlebenden der Shoa sind ein hauchdünner kleiner Versuch, den Leuten das Ungreifbare nahe zu bringen. Wenn ich solches Material lese, versuche ich manchmal mir die Geschehnisse vorzustellen. Aber immer, wenn Dinge allzu konkret und realistisch zu werden drohen, wenn Menschen im Spiel sind die anderen Menschen im Ursinn des Wortes unFASSBARe Gewalt in einem wahnsinnigen Ausmaß antun, reagiert mein Hirn mit Ausweichmanövern. Es lenkt mich ab. Produziert schwammige, neblige Bilder. Mein Vorstellungsvermögen zeigt in solchen Momenten nur noch in ein großes, schwarzes, unendlich tiefes Loch und ist ganz fundamental überfordert. Vermutlich ist das derselbe (massen)psychologische Effekt, der für die bekannte nachkriegsdeutsche "ich hab davon nichts gewusst"-Ausrede verantwortlich ist. Aber jetzt lehne ich mich extrem weit aus dem Fenster, ich bin ja schließlich kein Holocaust-Forscher. Oh Mann, jetzt rede ich auch schon wie ein Political Correctness-Zombie. Begriffe wie "unfassbar", "ungreifbar", "unvorstellbar" sind bei diesem Thema derart überstrapaziert. Aber es sind die einzig passenden Begriffe und gleichzeitig sind sie so unendlich schwach. Natürlich fußt meine Einstellung letztendlich auf der bundesdeutschen Erziehung, aber ihr dürft mir glauben, dass ich diese Dinge vollkommen ernst meine und nicht schreibe, um irgendwem zu gefallen. In meinem Willen, begreifen zu wollen, habe ich mich auch einmal mit Buchenwald konfrontiert. Und darauf konnte mich kein Unterricht, kein Buch, keine Doku, kein Film und keine Website vorbereiten. Ultimativ wird das auch kein Videospiel können. Auf den ersten Blick ist Buchenwald ein windiger Ort auf einem Hügel bei Weimar. Die Aussenumzäunung steht noch, das Torgebäude steht noch, aber von den Barracken sind nur Umrisse und Fundamente übrig. An diesem Ort mit der tollen Aussicht über ein Stück Thüringen sind Menschen gefoltert und ermordet worden? Der Gedanke ist immer noch abstrakt und nicht richtig formulierbar. Aber dann ist da das Krematorium. Beim Betreten fällt der Blick sofort auf die Vebrennungsöfen, die man sonst nur von alten Bildern kennt und die sich jetzt massiv und bedrohlich aus der Distanziertheit der Schwarzweiß-Bilder unmittelbar in das Bewusstsein des Betrachters wuchten. Dieser Moment der Erkenntnis, als sich all das gesammelte, angelesene, theoretische Wissen so real und konkret direkt vor mir in diesen Öfen manifestierte, hat mir schlicht mein Herz in tausend Stücke gesprengt. Und den Glauben, dass tatsächlich sowas wie Menschlichkeit existiert. Und in diesem Gebäude ist noch mehr. Im Keller. Ein Albtraum aus Ziegeln und weißem Putz. Mit mehreren Dutzend Haken an der Wand knapp unter der Decke, an denen Menschen erdrosselt wurden. Mit einer Genickschussanlage. Mit fahrbaren Wannen für die Leichen. Ich habe keine Luft mehr bekommen. Ich musste da raus. Selbst als ich jetzt drüber schreibe, stehen die Tränen Schlange und wollen raus. Das Gefühl, kotzen zu müssen, ist wieder da. Der Entschluss, irgendwann im Leben mal Auschwitz zu sehen, ist gestrichen. Dafür bin ich wesentlich zu feige. Und zu besorgt um meine geistige Gesundheit. Das sind also meine ganz persönlichen Vorzeichen. Und dann kam plötzlich mein Lieblingshobby, meine über alle Maßen favorisierte Freizeitbeschäftigung, die in diesem Zusammenhang einfach nur so unendlich unwichtig und profan erscheint, um die Ecke marschiert und knallte mir mit "Imagination..." ein derartiges Pfund vor die Füße. Wie sollte ich nur damit umgehen? Was soll ich jetzt noch nur davon halten? Ich hab mal gesagt, dass gute Filme häufig solche sind, die ein bisschen weh tun beim Schauen. "Filme, die weh tun", haben häufig auch mehr oder weniger Bezug zur Realität. Das Wort "Film" kann man auch durch "Kunst" ersetzen und dann versteht man vielleicht eher, was ich damit ausdrücken möchte. Von mir aus kann man jetzt genau diese Argumentation, dass Spiele Kunst werden sollen und Kunst auch schmerzhafte Themen anpackt und "Imagination..." deswegen ein höchst wichtiges Spiel geworden wäre, anführen. Aber diese Ausrede ist mir zu eindimensional, simpel und hinterfragt zu wenig. Sie ist aus dem gleichen brüchigen Holz geschnitzt wie die ewig olle "ich spiel Metzelspiele, seitdem ich 3 bin und hab noch nie jemanden getötet"-Argument. Vielleicht werde ich spießig und alt. Und obwohl ich gleichzeitig den Wunsch habe, dass auch mir nachfolgende Generationen im selben Geist erzogen werden wie ich und dieses Spiel vielleicht sogar ein kleiner lehrreicher Beitrag dazu hätte sein können... trotzdem ist irgendwo im Hinterkopf dieser Gedanke: ein Spiel? Über den Holocaust? Ein SPIEL? Ein Spiel, dass mir im Vorbeigehen noch ekelhafte Fakten über Menschenversuche in die Fresse knallt? Nein. Grenzen sind da, damit sie gezogen werden... ..und ich muss ein schlimmer Spießer und Moralapostel sein, wenn ich so über ein Spiel schreibe, über das nie Details bekannt geworden sind. Ich verteidige die "Freedom of Speech" und möchte nicht den Eindruck erwecken, ich würde schon Fackeln und Forken horten, mit denen ich dann bei nächster Gelegenheit Luc Bernard heimgesucht hätte. Ich habe dem Mann nichts als gute Absichten unterstellt, aber finde die Vorstellung in höchstem Maße unangenehm, ein solches Spiel im Regal neben "Barbie als Prinzessin der Tierinsel" und "Nintendogs" zu sehen. Und gleichzeitig weiss ich, dass "Schindlers Liste" drüben in der DVD-Abteilung zusammen mit "Dumm und Dümmer" verscherbelt wird. Ich habe nicht gesagt, dass dieses Thema einfach zu behandeln ist. Aber manchmal muss man sich einfach festlegen, auch wenn es dadurch gegebenenfalls zu Reibungen mit der persönlichen Peer Group kommt. Luc Bernard hat ja nichts anderes getan, als er sich entschlossen hat, ein Spiel über den Holocaust zu entwickeln.
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